Vega Flug 17 – Ein vermeidbares Desaster

Das Bild zeigt den Beginn der Mission VV16 am 3. September 2020

Der Fehlschlag von „Vol Vega No. 17“, oder kurz VV17, war komplett unnötig und wirft ein schlechtes Licht auf Europas Raumfahrt. Die Vega, ein weitgehend von italienischen ESA-Beiträgen finanzierter, zu großen Teilen in Italien gebaut und unter der Systemführerschaft des italienischen Unternehmens Avio gebauter Feststoffträger für das Nutzlastsegment der unteren Mittelklasse versagte am 16. November innerhalb von nur drei Flügen zum zweiten Mal. Die beiden Satelliten an Bord, der spanische SEOSAT-Ingenio und der französische TARANIS wurden dabei zerstört.

Eine sofort durchgeführte Analyse der Telemetrie und ein Vergleich mit den Produktionsdaten ergab, dass die Kabel, die zur Schubvektorkontrolle führten, vertauscht worden waren. Wie ein derartig massiver, und in kürzester Zeit feststellbarer Qualitätsmangel in einem etablierten europäischen Raumfahrtunternehmen überhaupt passieren kann, ist unbegreiflich.

Die Manager von Arianespace und Avio beeilten sich sofort nach dem Desaster kundzutun, dass hier ein simpler menschlicher Fehler vorlag und kein Design-Problem. Wenn es allerdings möglich ist, Kabel falsch herum einzubauen, ohne dass es bei den Systemchecks jemandem auffällt, dann IST das ein Design-Fehler und nichts anderes. Gerade in der Raumfahrt (aber auch in vielen anderen technisch kritischen Bereichen) MUSS ein Design so ausgelegt sein, dass eine Fehlmontage unmöglich ist. Und eigentlich erwartet sowas selbst ein IKEA-Kunde.

Das Desaster erinnert stark an einen der aufsehenerregendsten Unfälle der Raumfahrtgeschichte, als im Juli 2013 beim Start einer Proton M ein Lagekontrollsensor in der ersten Stufe falsch herum eingebaut worden war, und der Träger daraufhin spektakulär noch in unmittelbarer Nähe des Startplatzes abstürzte. Auch hier lag ein massiver Mangel in der Qualitätskontrolle vor.

Das peinliche Missgeschick mag bei Avio aufgetreten sein, die Öffentlichkeit wird hier aber erneut einen Arianespace-Fehler wahrnehmen. Den dritten in knapp drei Jahren, wenn man den durch einen Programmierfehler verursachten Irrflug der Ariane 5 VA-241 mit einrechnet. Die Wahrnehmung der Kunden der Arianespace ist es, dass es mit der Qualität abwärts geht, seit sie unter der Ägide der ArianeGroup steht. Zuvor konnten die Ariane 5 und die Vega ihre hohen Preise mit der hohen Zuverlässigkeit rechtfertigen. Doch seit dem Wechsel zur ArianeGroup begann die Fehlerserie und vorbei war es mit den „Qualitätsstarts“ mit denen Europa seine hohen Preise rechtfertigte.

Noch einmal zurück zu Avio. VV17 war die erste Rakete aus dem dritten Fertigungslos. Mit einher ging in diesem Phasenwechsel auch die Übernahme wesentlicher Kontrollelemente zum Hersteller. Die Kontrolle von Seiten der ESA wurde reduziert, um Kosten zu sparen. Aus diesem Kostendenken heraus übernahm Avio vor allem bei der weitgehend unterbeauftragten Avum-Oberstufe eine ganze Reihe technischer Funktionen selbst. Die für diese Leistung bislang eingesetzten Unterauftragnehmer schienen dem Unternehmen zu teuer. Darüber hinaus wurden auch andere – billigere, aber wesentlich unerfahrenere – Unterauftragnehmer in den Fertigungsprozess mit eingebaut.

Die Vega ist ohnehin nicht gerade eine Rakete, auf welche die Welt wartet, wie die Flugbilanz von gerade einmal 17 Missionen im bisherigen achteinhalb Jahre langen Einsatzleben zeigt. Zusätzlich ist sie auch noch im Vergleich mit ihren Konkurrenten außerordentlich teuer. Eine erste Nutzlast ist bereits auf die Sojus umgebucht worden.

Obwohl der Fehler offensichtlich ist, dürften nun die in Europa traditionell extrem zähen und  langwierigen Untersuchungen beginnen. Das begann zunächst einmal schon mit der Einberufung einer Untersuchungskommission unter der Leitung des ESA-Generaldirektors. Beim vorausgegangenen Fehlstart vom Juli 2019 hatte es nicht weniger als 14 Monate gedauert, bis die Rakete danach wieder auf der Startrampe stand. Sollte es dieses Mal ähnlich lange dauern, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die Vega damit vollständig aus dem Markt kickt.

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